Politik

Das vermaledeite J-Wort

Die Wiener Journalistin Alexia Weiss räumt mit Klischees über das jüdische Leben in Österreich auf

HELENE MAIMANN

Im August 1970 trafen zwei Grandseigneurs der österreichischen Kulturszene aufeinander: Heinz Fischer-Karwin interviewte in seiner Fernsehreihe "Bitte legen Sie ab" den Literaten Friedrich Torberg. Fischer-Karwin war während des Zweiten Weltkriegs Wehrmachtsoffizier gewesen, Torberg hatte mit großem Glück in die USA flüchten können.

Torberg hatte 1943 im amerikanischen Exil mit "Mein ist die Rache" eine aufwühlende Novelle über die Vorgänge in einem deutschen KZ verfasst. Nach Wien zurückgekehrt, machte er sich als streitbarer Kommunistenfeind einen Namen und schrieb neben Theaterkritiken seine zwei Klassiker über die Tante Jolesch. Niemals verschwieg Torberg seine Zugehörigkeit zum Judentum. Sie war, sagte er, die "Sache einer stolzen Überzeugung".

Die beiden Herren kannten einander gut. Fischer-Karwin war alles andere als ein Ewiggestriger. Aber während einer Stunde Gespräch brachte er das Wort Jude nicht über die Lippen. Als anständiger Mensch gehörte sich das nicht. Auch Torberg hielt sich an die Konvention. Sie redeten über sein Elternhaus, seine Jugend und ausführlich über die Emigration, ohne sich damit aufzuhalten, warum er einen abenteuerlichen Fluchtweg einschlagen musste, um aus Europa wegzukommen. Beide nahmen sichtlich an, dass das Publikum sowieso wusste, warum. Sie umschifften das gefährliche Wort, bis Torberg auf die Frage, woran er jetzt arbeite, vom Minnesänger Süßkind von Trimberg erzählte und dabei das vermaledeite J-Wort in den Mund nahm. Fischer-Karwin schnitt es ihm ab und stellte eine andere Frage.

Seither sind 50 Jahre vergangen, und immer noch scheuen sich viele, das schwer belastete Wort auszusprechen. Ein schimpfliches Wort, ein Unwort. Sie verschlucken es und reden lieber von jüdischen Mitbürgern, ohne wahrzunehmen, wie diskriminierend dieser Ausdruck ist. Keine von uns. Mit-Bürger eben.

Die Wiener Journalistin Alexia Weiss hat über das schwierige Thema ein schwungvolles Buch geschrieben. Sie beginnt damit, dass auch die deutsche Buchstabiertafel "arisiert" wurde, an die man sich in Österreich noch immer hält, und ruft auf, sie wie die Bundesrepublikaner zu entnazifizieren. Also Samuel statt Siegfried und Nathan statt Nordpol. Damit sind wir mitten im sprachlichen Maschinenraum. Ich buchstabiere meinen Namen mit Martin-Anna-Ida-Martin-Anna-Nordpol-Nordpol. Das wird kaum mehr aus dem Hirn zu kriegen sein. Mit dem Mehrzahlwort Jüd*innen tu ich mir auch schwer. Aber wer wie die Autorin aus Überzeugung gendert, kann sich auch daranmachen, Namen neu zu buchstabieren. Die Berührungsangst und Feindseligkeit in Sprache, Erinnerung und Agitation sind Alexia Weiss ein großes Anliegen, und das zu Recht.

Warum heißt die Israelitische Kultusgemeinde nicht Jüdische Gemeinde? Warum steht in Schulzeugnissen als Religionsbekenntnis "israel.", was zu mannigfachen Missdeutungen führt? Wieso glauben Leute, dass in Österreich 50.000,100.000, nein: 500.000 Juden leben? Warum wird das koschere (und muslimische) Schächten als barbarisch verfemt und die qualvolle Schlachtung in den Fleischfabriken nicht? Woher kommt die Überzeugung, dass Juden reich sind und keine Steuern zahlen? Was soll uns die Umarmung der jüdischen Gemeinde durch die Regierung Kurz sagen? Und das immerwährende Israel-Dilemma? Woher die Doppelmoral in einer von Krieg und Gewalt verwüsteten Region? Und die Zumutung, dass sich Juden hier oder sonst wo für Israels Politik gegenüber den Palästinensern in der Westbank und in Gaza zu rechtfertigen haben?

Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden, schrieb Adorno. Alexia Weiss versucht, diese Fragen zu beantworten und Klischees aufzulösen, ergänzt durch historische Passagen und aufschlussreiche Interviews. Das Gespräch mit dem Rabbiner Schlomo Hofmeister gefiel mir am besten. Es hat mich von einigen Vorbehalten befreit. Das Buch ist allen zu empfehlen, die etwas dazulernen wollen. Vom lieblos gestalteten Cover darf man sich nicht abhalten lassen.

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